“Komm nach Hause, Melanie!”
Ein typisches Arbeiter-Viertel in Hamburg: Altona. Backsteinbauten mit Grünpflanzen auf den Treppenabsätzen, frisch gewischte Stufen. Im vierten Stockwerk öffnet uns eine Frau. Und ist sichtlich erfreut über unseren Besuch. "Schön, dass Sie kommen", begrüßt sie uns. "Vielleicht können Sie mir ja helfen. Ich klammere mich an jeden Strohhalm."
Die Davidwache auf der Hamburger Reeperbahn. Tagsüber ein unscheinbarer Backsteinbau, nachts leuchtet das Schild "Polizei" weit in die Straße hinein: Station der letzten Hoffnung für Gestrauchelte, Drogenabhängige, betrogene Freier. Rund um die Uhr besetzt, nur wenige Meter weiter stehen die käuflichen Damen, warten auf Kundschaft. Links neben der Davidwache zu erkennen: das St.Pauli-Theater.
Die Frau, die uns wenig später am Couchtisch gegenübersitzt, heißt Irene B., ist 48 Jahre alt. Man könnte sie jedoch leicht auf Ende 50 schätzen. Denn ihre Hände haben viel gearbeitet, die Augen viel geweint. Irene B. macht auf uns einen unendlich traurigen Eindruck.
“Ich schlafe keine Nacht mehr richtig durch, seitdem meine Tochter nicht mehr da ist”, sagt Irene. Und während sie uns erklärt, was ihr Herz so sehr bedrückt, kämpft sie immer wieder mit den Tränen, fleht still vor sich hin: “Komm nach Hause, Melanie!” Doch bisher blieb ihr Wunsch unerfüllt. Seit nunmehr fast drei Jahren.
Begonnen hat das Drama im Leben der Irene B. aber schon einige Zeit vorher. “Herbert, mein Mann, war Alkoholiker. Das heißt: Er ist es vermutlich bis heute. Falls er sich nicht inzwischen zu Tode getrunken hat”, erzählt die verhärmte Frau. “Als Herbert und ich noch zusammenlebten, hat er mich in seinem Rausch häufig geschlagen. Es war wirklich die Hölle. Und ich mag gar nicht daran denken, was er unserer Tochter alles angetan haben könnte.”
Eines war allerdings deutlich: Melanie litt sehr unter der familiären Situation. Irene B.: “Ihre Leistungen in der Schule wurden zunehmend schlechter. Sie mußte sogar eine Klasse wiederholen. Dabei war sie so ein aufgewecktes Kind.”
Was die Mutter damals nicht wußte: Ihre Tochter schwänzte immer öfter den Unterricht, trieb sich stattdessen irgendwo rum. Irene: “Wie sollte ich das bemerken? Ich ging schließlich den ganzen Tag, von früh bis spät, putzen. Einer mußte ja dafür sorgen, dass ein bisschen Geld in die Haushaltskasse kam. Damit wir uns was zum Essen kaufen konnten.”
Stark ins Grübeln kam die Mutter aber, als eine Nachbarin ihr mitteilte, sie habe Melanie bereits mehrmals unten am Hafen gesehen - dort, wo die leichten Mädchen auf Freier warteten. Irene B.: “Ich sprach meine Tochter darauf an. Sie sagte bloß: ,Mama, mach’ dir keine Gedanken. Ich bin alt genug, kann schon gut selbst auf mich aufpassen.˜ Das hat mich dann einigermaßen beruhigt.”
Umso größer war ihr Entsetzen, als die damals 45-Jährige in der Jackentasche der Tochter etwas fand, das in Aluminiumfolie eingewickelt war. “Ich hatte sowas vorher noch nie in der Hand, aber mir wurde klar: Das konnte nur Rauschgift sein”, erinnert sich Irene B. Und in ihrer Not wandte sie sich an die Schule der Tochter. “Ich mochte Melanie gegenüber nicht eingestehen, dass ich heimlich ihre Kleidungsstücke durchsucht hatte”, sagt sie.
In der Schule erlebte die besorgte Mutter dann den nächsten Schock. Die Lehrerin teilte mit, dass Melanie bereits seit Wochen fehlte. Angeblich aufgrund einer Krankheit.
Am Abend stellte Irene ihre Tochter zur Rede. “Wir haben uns heftig gestritten”, beklagt sie. “Und als ich Melanie am nächsten Morgen wecken wollte, fand ich ihr Bett leer. Sie hatte ein paar von ihren Sachen in einen Rucksack gepackt - war still und leise verschwunden.” Bei diesen Worten versagt der Mutter erneut die Stimme.
Und was hat sie nicht alles versucht, um ihre Tochter zu finden! Irene B.: “Natürlich gab ich zunächst eine Vermißten-Anzeige bei der Polizei auf, aber die Beamten machten mir nur wenig Hoffnung auf Erfolg. Also ging ich selbst monatlang über den Kiez, hängte überall Zettel mit Melanies Foto und meiner Telefonnummer auf - sprach so wohl mit jeder Prostituierten auf dem Strich.”
Das Ergebnis der Suche war recht deprimierend. “Ja, man hatte Melanie gesehen”, sagt die Mutter. “Eins der Liebesmädchen konnte sich genau an meine Kleine erinnern. Sie sei zu Freiern in den Wagen gestiegen, hätte sehr fertig ausgesehen und Heroin gespritzt. Aber egal, was Melanie getan hat, ich würde ihr alles verzeihen. Hauptsache, sie kommt zu mir nach Haus.”
Bei der Recherche half Markus Wennemann

Tobias Nolte schrieb obige erotische Geschichte. - Der begeisterte Regatta-Segler ist 47 Jahre alt und schreibt seit seinem 14. Lebensjahr. Zwölf Jahre war er Reporter bei verschiedenen Lokalzeitungen in Deutschland und Dänemark. Nolte lebt heute abwechselnd in Kopenhagen und Amsterdam.
Erschienen am 20.5.2009 |

