Endstation Drogenstrich
Hamburg, Große Freiheit: Tagsüber sieht die Seitenstraße der Reeperbahn harmlos aus. Nachts locken Leuchtreklamen, Stripshows, nackte Mädchen ... und Dealer in dunklen Hauseingängen.
Sie sind jung und willig - die Girls vom Kiez. Doch hinter ihrer schönen äußeren Fassade steckt meist ein trauriges Schicksal. Samstag mittag, kurz nach zwölf. Gut eine Stunde mussten wir in einem kleinen Cafe am Steindamm im Hamburger Stadtteil St. Georg auf Conny (21) warten. “Tut mir leid”, entschuldigt sie sich. “Ich habe bis fünf Uhr früh gearbeitet. Und dann den Morgen verschlafen. Ist leider nicht so gut gelaufen letzte Nacht.” Wie so oft ...
Conny zählt zu den etwa 300 Frauen, die sich nach offiziellen Schätzungen hier, in Nähe des Hauptbahnhofs, auf der Straße prostituieren. Das blonde Haar hängt ihr strähnig ins Gesicht. Unter den Augen liegen dunkle Schatten, die auch das Make-up nicht verdecken kann. Die schmalen Hände zittern. Und ihr Blick flackert ständig ziellos ins Leere. Conny ist drogensüchtig. Seit ihrem zwölften Lebensjahr.
Conny (21): “Für die Freier bin ich der letzte Dreck”
Während sie sich hastig die nächste Zigarette dreht, schildert die junge Frau, wie alles seinen Anfang nahm: “Mit 14 haute ich von zu Hause ab. Nach Hamburg. Und landete auf dem Strich.” Warum? Conny lächelt vage: “Wie hätte ich sonst meine Sucht finanzieren sollen? Klauen? Nee, das ist nicht mein Ding.”
Das Mädchen vom Lande geriet in einen Teufelskreis, dessen Sog sie immer tiefer in den Abgrund riss. Conny: “Ich gehe anschaffen, um mir Stoff kaufen zu können Und ich brauche die Drogen, damit ich meinen Ekel vor den Freiern überwinde. So ist das. Traurig, aber wahr.”
An Rauschgift hat die 21-Jährige bereits so ziemlich alles ausprobiert, was sie kriegen konnte - Haschisch, Marihuana, Heroin, Kokain. Nach mehreren kalten Entzügen raucht sie jetzt Crack. Nach jedem Kunden. Meist im Stunden-Takt. An manchen Tagen aber auch wesentlich öfter.
Über ihre Situation ist sich Conny durchaus im Klaren. “Wenn du erstmal da landest, wo ich bin, steckst du total im Sumpf”, sagt sie. “Der Drogenstrich ist wirklich das Letzte. Es ist die Endstation. Abpfiff. Weiter nach unten kannst du in deinem Leben nicht mehr rutschen. Und so wirst du auch behandelt. Für die Freier bin ich der letzte Dreck.”
Mit was für Männern hat sie es zu tun? “Meist ist es menschlicher Abschaum. So wie ich”, sagt Conny. “Hinzu kommt: Je später der Abend, desto fieser die Typen. Die wissen doch genau: Wer nachts auf dem Drogenstrich steht, braucht dringend Kohle. Und das nutzen sie schamlos aus. Die behandeln dich schlimmer als Tiere - beschimpfen und missbrauchen dich. Oft drücken sie dich im Preis, erwarten aber die größten Sauereien. Und du machst alles mit. Auch ohne Gummi. Weil du nur an das Geld für die nächste Pfeife Crack denkst.”
Teufelsdroge Crack
Sie sehen ganz harmlos aus. Wie kleine Stücke Kandiszucker. Aber die Kügelchen - ein Mix aus Kokain, Backpulver und Wasser - kommen nicht in den Tee, sondern werden in einer Pfeife geraucht: Crack, ein Teufelszeug. Der Stoff geht direkt ins Blut, macht für wenige Minuten super-euphorisch. Und sofort abhängig. Mit fatalen Auswirkungen auf Psyche und Körper: Bewußtseinsstörungen, Schlafentzug, Aggressivität. Eine Therapie ist mit Akupunktur möglich. Doch kaum ein Crack-Abhängiger nimmt sie wahr.

Nico Mertens schrieb obige erotische Geschichte. - Nico Mertens (29) bezeichnet sich selbst als "klassischen Spätstarter". Er brach die Realschule ab, verdingte sich fünf Jahre als Entwicklungshelfer in Afrika, machte das Abitur nach und studierte Jura. Bis zum dritten Semester - dann wechselte er in den Journalismus. "Endlich habe ich meinen Traumberuf gefunden." Der leidenschaftliche Kaffeetrinker schreibt und macht Beiträge für Privatradios.
Erschienen am 23.5.2010 |



