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erotische Geschichten

Nostalgische Neonreklamen auf der Reeperbahn

Eine Folge aus dem Thriller "Die Sexdroge"

Maximilian checkte in der obersten Etage des Zacharias’ ein, einem drittklassigen Etablissement mit vier Stockwerken, das im Dachgeschoss einen Panoramablick auf die Reeperbahn bot.

Verena hatte ihn mit Barmitteln für fünf Tage ausgestattet, nachdem er ihr von den geheimnisvollen Pastillen erzählt hatte.

Allerdings hatte sie ihm das Geld wohl weniger wegen der Pastillen gegeben. Jedenfalls hatte Verena sich nach keinen Details zur Wirkungsweise der Pastillen erkundigt, ihr Interesse daran schien begrenzt. Eher hatte er das Geld erhalten, da es Verena Spaß machte, ihm etwas Gutes zu tun.

Außerdem glaubte sie fest daran (obwohl er sie in dem Glauben in keiner Weise ermutigt hatte), dass ein Mädchen hinter all dem steckte, und sie wollte, dass er das Mädchen bekam und sie zusammen glücklich wurden. Womöglich träumte sie davon, Patentante seines Nachwuchses zu werden.

Maximilian grinste grimmig.

In was für einen Unsinn Verena sich hineinsteigern konnte.

Er schob den Zettel, auf dem Verena ihm die Nummer von Boris notiert hatte, unter den Ständer der Nachttischlampe und legte sein altertümliches Handy dazu. Ein Smartphone konnte er sich nicht leisten. Für die wenigen Anrufe, die er machte, reichte der antike Prepaid-Knochen.

Dann öffnete er mit einem Ruck das klemmende Fenster. Vom Fensterrahmen abblätternde Farbe rieselte auf die verschliessenen Teppichfliesen. Eine warmfrische Spätsommerbrise verdünnte den muffigen Geruch im Zimmer.

Vor Jahren hatte Boris ab und zu auf Verena aufgepasst; heute war er einer der Mächtigen Drei im Kiez.

Wenn jemand das Hutzelmännchen finden konnte, dann Boris Sejdiu, meinte Verena. Boris kannte jede und jeden im Dreieck Hauptbahnhof, Elbstraße, Reeperbahn.

Aber es war zu früh, um Boris anzurufen, entschied Maximilian.

Er holte eine Flasche Wasser aus der Minibar, rückte den abgewetzten 50er-Jahre-Stuhl ans offene Fenster und fläzte sich hinein, schaute auf die dahinfliegenden Wolken.

Wenn er etwas beherrschte, dann war es methodisches Vorgehen. Ansonsten wusste er von keinen herausragenden Fähigkeiten, die ihn auszeichnen würden; er war ein Durchschnittsbürger wie es Tausende, Hunderttausende in Deutschland gab.

Nur zwei Eigenschaften unterschieden ihn von der Masse:

Er hatte es nie zu einer abgeschlossenen Ausbildung gebracht, sondern lebte von Gelegenheitsjobs. Er mochte dieses Leben. Und er ging methodisch vor, wenn er auf ein Problem stieß. Das hieß, er strich Optionen ab, die nicht in Frage kamen und übrig bleiben musste zwangsläufig die Lösung. Beziehungsweise etwas, was ihn der Lösung näher brachte.

Maximilian drehte die Wasserflasche auf, nahm einen langen Schluck und sah zu, wie sich die Dämmerung über der Stadt bereit machte.

Die Option Boris strich er endgültig ab.

Es war unnötig, einen weiteren Mitwisser zu schaffen, um an die Pastillen zu kommen.

Das Naheliegendste war, sich an das Hutzelmännchen zu halten. Es hatte die Pastillen, es wollte offensichtlich verkaufen. So dringend verkaufen, dass es auf der Straße nach Kunden suchte.

Der Mensch war ein Gewohnheitstier. Das Hutzelmännchen würde auch heute auf der Reeperbahn sein.

Zufrieden mit seiner Denkarbeit nahm Maximilian einen weiteren Schluck. Verena hatte ihm Rühreier serviert, geradezu aufgedrängt hatte sie ihm die Eier. Er hatte Verena die Mahlzeit nicht abschlagen können, und die Eier hatten gut geschmeckt. Aber er war derart üppige Mahlzeiten nicht gewohnt und hatte zu viel gegessen.

Nun verspürte er mächtigen Durst, nahm einen weiteren Schluck und stellte sich vor, wie sich Eier und Wasser im Magen zu einem zähen Klumpen vermengten. Die Vorstellung machte ihn müde.

Er schlug die Augen auf. Der Himmel über den blinkenden Neonreklamen war dunkel, die Brise kalt geworden. Hastig schaute er zur Uhr über dem Kühlschrank. Sein Nacken protestierte mit einem stechenden Schmerz wegen der plötzlichen Drehung.

Schon 23 Uhr!

Er war eingeschlafen.

Maximilian rieb sich den Nacken, erhob sich ungelenk. Der Nacken hatte Zug bekommen und war steif geworden.

Jetzt einfach Charlotte anrufen … Aber was hätte er sagen sollen? Sie war nicht gut auf ihn zu sprechen, und er hatte (noch) nicht, was sie unbedingt haben wollte. Außerdem war gerade die beste Zeit, dem Hutzelmännchen einen Besuch abzustatten.

Es erwies sich als schwieriger als gedacht, das Hutzelmännchen ausfindig zu machen zwischen all den Vergnügungssuchenden.

Maximilian ließ sich im Strom der Menschen treiben, vorbei an Davidwache und Tivoli, dann auf der anderen Seite der Straße zurück, vorbei am früheren Top Ten und dem ehemaligen Café Keese, von dem nur noch die nostalgische Neonreklame geblieben war (siehe Foto oben).

Maximilian drängelte sich durch das Menschengewimmel am Spielbudenplatz, strich durch die dunklen Seitengassen mit den sexbereiten Damen in den Hauseingängen und durch die beiden U-Bahnstationen. Das Hutzelmännchen blieb verschwunden.

So war es auch am nächsten Tag und in der nächsten Nacht.

Verenas Geld wurde knapp; und Maximilians Wunsch wuchs, sich bei Charlotte zu melden (es war zwecklos zu hoffen, sie würde sich bei ihm melden und woher sollte sie wissen, dass er im Zacharias logierte). Maximilian erwog nun doch die zweite Option. Boris.

Fortsetzung morgen


Der Text wurde von Lion C. Rationus geschrieben.

Der frühere Polizeireporter Lion C. Rationus schreibt spannende Reeperbahn-Thriller. Mehr von dem Autoren findest du hier auf Amazon.

Erschienen am 17.11.2016 | zurück zur Startseite


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Eine Folge aus der Reihe "Die Sexdroge". Die weiteren Thriller der Reihe:

  1. Das Hutzelmännchen von der Reeperbahn
  2. Mister Astra von der Reeperbahn
  3. Der geheime Garten an der Reeperbahn
  4. Paradiesische Liebe hinter der Reeperbahn
  5. Erfahrungen einer Hure auf der Reeperbahn
  6. Kiez und Kinder

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