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erotische Geschichten

Mister Astra von der Reeperbahn

Eine Folge aus dem Thriller "Die Sexdroge"

Er hat harte Augen, fand sie.

Und er trank auf eine Weise aus der Flasche, als ob er sie lieben würde. - Nicht das Bier oder den Alkohol, sondern die Flasche selbst: Wie seine Lippen den braunen Mehrwegflaschenhals des Astras umschlossen … So konzentriert und weich …

Und dazu diese harten Augen.

Er faszinierte sie.

Und er schaute jetzt zurück.

„Warum starrst du mich an, Kleine?”

„Willst du mich anmachen?” Sie gab ihrer Stimme etwas Rostiges. Die meisten Männer standen drauf.

Seine Augen aber blieben kühl. Ihr lief ein Schauer über den Rücken — ob ihr fröstelte oder heiß wurde, wusste sie selbst nicht.

„Du bist ein interessanter Mann.” Es war ein bisschen zu viel Wahrheit einem Wildfremden gegenüber. Noch dazu an der Theke einer Kaschemme, in welche sich die Polizei ohne schusssichere Weste oder das Okay des Kiezluden kaum herein traute.

Immerhin tauten seine Eiswürfelaugen an.

„Und du bist eine schöne Frau.”

„Danke, Cowboy.” Sie rückte näher.

„Etwas zu jung für den Goldbeutel.”

Sie konnte zusehen, wie die Eiswürfel wieder festfroren.

„Bist du eine Professionelle? — Ich muss dich enttäuschen. Fünf Euro sind mein Restguthaben.”

Er spülte das Bier durch die Kehle, der Adamsapfel hüpfte.

Sie schlug ihm die Flasche aus der Hand.

Sie hätte erklären können, dass sie keine Nutte war. Dass sie ihn kennenlernen wollte, da sie glaubte, er könne ihr etwas vom Leben verraten, das sie noch nicht wusste.

Sie suchte noch das Puzzlestück (wenn sie ehrlich war: mehrere Puzzlestücke), welches ihr fehlte, damit das Gesamtbild einen Sinn ergab. Vielleicht hatte er es, das entscheidende Puzzleteil.

Aber gut, wenn er nicht wollte.

Sie würde Mister Astra nicht hinterher rennen. Das hatte sie nicht nötig. Die Kerle standen Schlange bei ihr. Wenn sie es darauf anlegte.

Wenn sie nur nicht solche Langweiler wären. Durchschaubar in ihren Absichten. Klein in ihren Plänen.

Charlotte hatte keine Lust, das alles Mister Astra zu erklären.

„Fahr zur Hölle”, zischte sie und ihr war egal, ob er sie verstand. Vielleicht war kein Mann imstande, überhaupt irgendetwas zu verstehen.

Jemand krähte „Ey, Alde!” Wahrscheinlich derjenige, der die Flasche abbekommen hatte.

Charlotte Jessen stürmte zur Toilette. So hatte sie es schon als Abiturientin gemacht, damals noch zusammen mit den gackernden Freundinnen, in Discotheken, auf Abschlussbällen oder bei Schützenfesten.

Ihre Freundinnen waren am Studieren, leisteten Aufbauhilfe in Afrika oder machten Work and Travel. Das war nichts für Charlotte.

Sie schaute sich im Spiegel an. Noch hatte das Leben keine Spuren hinterlassen.

Aber was es für Charlotte bereithielt, hatte sie noch immer nicht entdeckt. Was erwartete das Leben von ihr — oder was erwartete sie vom Leben?

Hinter ihr stand Mister Astra.

Charlotte zuckte zusammen.

„A-aber das ist die Frauentoilette …!” Immer wenn sie aufgeregt war, stotterte sie. Schon als Kind war das so gewesen und sämtliche Logopäden von Pinneberg, zu denen Mama sie geschleppt hatte, hatten dagegen nichts ausrichten können.

„Du h-hast dich bestimmt vertan.”

„Seh ich so aus, Kleine?”

„W-weiß nich’.”

Er drückte sie gegen das Waschbecken.

„Du d-drückst mich gegen das Waschbecken.”

„Sieht so aus, Kleine.”

Sie roch den Alkohol in seinem Atem. Er steckte seine Zunge zwischen ihre Lippen.

„Ihhh!”, machte sie und wich zurück.

Sein Handrücken erwischte sie hart, und ihr Kopf schlug gegen den Spiegel und sie bekam nicht mit, ob das Glas splitterte; ihr Verstand vernebelte sich. Sie versuchte, wach zu bleiben, um mitzubekommen, was da unten passierte … Mister Astra hatte ihr den Rock hochgeschoben und drängte sich zwischen ihre Schenkel.

Mit aller Gewalt stieß Charlotte ihn von sich, verfing sich in der Tasche seiner Jacke … aber alles hätte wohl nichts genützt, wenn nicht jetzt die Tresenfrau hereingestürzt wäre.

„Wer schreit hier …?!”

In Panik und höchster Not musste Charlotte geschrien haben (sie hatte es nicht bemerkt), so laut, dass es im Schankraum zu hören gewesen war.

Mister Astra sah die Pumpgun in der Hand der Tresenkraft und hob beide Hände:

„Ein Irrtum … ein Fehler von mir. Hab’ mich in der Tür geirrt.”

Als er an der Wirtin vorbeihuschte, griff er mit beiden Händen nach der Pumpgun, bekam sie auch zu fassen — war aber zu zaghaft: Mit entschlossenem Ruck machte die Wirtin ihre Waffe wieder frei und hieb Maximilian den Kolben der Pumpgun auf das Steißbein.

Mister Astra jaulte wie ein geprügelter Hund und hatte nichts mehr von einem harten Kerl.

Bloß eine jämmerliche Figur war er, fand Charlotte und schaute sich das Plastiktütchen mit der blauen Pastille an, das sie aus der Jackentasche des Jammerlappens gezogen hatte.


Der Text wurde von Lion C. Rationus geschrieben.

Der frühere Polizeireporter Lion C. Rationus schreibt spannende Reeperbahn-Thriller. Mehr von dem Autoren findest du hier auf Amazon.

Erschienen am 13.11.2016 | zurück zur Startseite


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Eine Folge aus der Reihe "Die Sexdroge". Die weiteren Thriller der Reihe:

  1. Das Hutzelmännchen von der Reeperbahn
  2. Der geheime Garten an der Reeperbahn
  3. Paradiesische Liebe hinter der Reeperbahn
  4. Erfahrungen einer Hure auf der Reeperbahn
  5. Nostalgische Neonreklamen auf der Reeperbahn
  6. Kiez und Kinder

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