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erotische Geschichten

Erfahrungen einer Hure auf der Reeperbahn

Eine Folge aus dem Thriller "Die Sexdroge"

Maximilian fand, dass sie ihre Sache gut machte. So gut man eine Sache nur machen konnte, für die man 23 Jahre lang Geld verlangt - und die aufgerufenen Summen auch bekommen hatte.

Er hatte sie vor vier Jahren auf einer der Kurzzeitfluchten aus seinem Dorf kennengelernt. Seit drei Jahren war Verena nun im Ruhestand und empfing nur noch allerbeste Freunde, hatte selten noch Sex und nahm niemals Geld dafür.

„Geld habe ich genug, Sex hatte ich genug”, sagte sie ihm einmal, „Freunde hätte ich gern mehr, echte Freunde meine ich. Die findet man in meiner Branche selten.”

Maximilian hoffte, dass sie ihn zu ihren Freunden zählte. Wenn er danach ging, wie inbrünstig sie an ihm lutschte, könnte man denken, sie vergöttere ihn. Als hielte er ihr die schmackhafteste Schoko-Krokantstange hin seit Erfindung des Noggers.

Aber natürlich war Verena - wie alle guten Ex-Huren - auch eine Schauspielerin. Und wie wohl alle Schauspielerinnen, die sich über Jahrzehnten im Geschäft hielten, konnte Verena Spiel und Realität manchmal nicht auseinander halten.

Sie bot ihm ihr Allerheiligstes dar, und er naschte davon mit einer neuen Scheu.

Natürlich merkte sie es, bezog es auf ihre Fertigkeiten oder gar auf ihren Körper, an dem die Ausschweifungen der vergangenen Jahre nicht spurlos vorbeigegangen waren. Was sie übrigens akzeptierte. Auch ein Dachdeckermeister war, wenn er in Rente ging, nicht mehr so frisch wie zu seiner Zeit als Geselle.

Aber es lag nicht an ihr.

Zögernd strich er über ihre Schenkel.

„Worauf wartest du”, flüsterte sie, und er rutschte in sie hinein. Es war gut. Auf eine sanfte … er suchte nach dem passenden Wort … auf eine mütterliche Art.

Anders wäre es auch nicht gegangen. Er wusste, dass er bei Verena nichts beweisen musste. Und doch …

Er zog sich zurück.

Es war falsch.

„Was ist los, Maxi?” Nach der ersten Verblüffung setzte sie sich auf und griff nach der Zigarettenschachtel neben dem französischen Bett. „Gefalle ich dir nicht?”

„Sei nich‘ albern. Du bist zauberhaft.”

Sie schenkte ihm ein zweifelndes Lächeln, das in ihrem Gesicht für Augenblicke die weichen Züge des schüchternen Mädchens erahnen ließen, welches sie gewesen war, als sie mit mäßigem Realschulabschluss und Neugier auf das Leben in die Stadt gekommen war, um eine vom Vater vermittelte Ausbildung als kaufmännische Sekretärin bei einem Schiffsausstatter in der Hein-Hoyer-Straße zu beginnen.

„Du würdest eine fantastische Mutter abgeben”, sagte er und ordnete sich. „Schon mal dran gedacht?”

Ihre Hand - an jedem Finger ein Goldring - streifte über seinen gebräunten Unterarm.

„Ich bin Mutter, Maxi.”

Er schaute sie überrascht an. „Wusste ich gar nich‘.”

„Ihr Männer wisst wenig. Besonders über Frauen.” Sie inhalierte, ließ sich Zeit und atmete den Rauch zur Decke. „Er geht in die zweite Klasse. Hier auf St. Pauli. Engagierte Lehrerinnen. Sie bemühen sich. Viele Türken in der Klasse.” Sie legte das goldene Cartier-Feuerzeug neben die Schachtel.

„Wie ist es mit dir, Maxi?”, fragte sie.

Das brachte ihn zurück zu seinem Problem.

„Ich weiß nich‘ …”

Sie sagte: „Also geht es um eine Frau.”

„Woher weißt du -”

„Es geht immer um eine Frau bei Männern.” Sie rauchte. „Manchmal auch um Geld. Aber meistens um eine Frau. Ich kenne euch. Und wenn ihr eure Gesundheit entdeckt …” Sie lachte ein kurzes, kratziges, lebensvolles Lachen. „… dann habt ihr noch zehn Jahre.”

Bei ihm ging es um eine Frau. Aber er brauchte es ihr nicht auf die Nase zu binden.

„Wie heißt sie?”

„Charlotte.”

„Ein moderner Name.”

Sie ist ein modernes Mädchen, dachte er. Leider hatte er sich ihr gegenüber benommen wie ein Schuft. - Er schüttelte den Kopf. - Er war ein Schuft.

„Du hast dich in sie verliebt.”

„Heute Nacht, ja.”

„Und deswegen findest du es falsch, mit mir zu schlafen.”

„So falsch wie nur irgendwas.”

„Du hast recht.” Verena bändigte ihre üppigen Brüste in extragroßen Körbchen und schlüpfte in ein schlicht geschnittenes Kleid. „Wir lassen das. Aber es steckt noch mehr dahinter.”

„Wie kommst du darauf?” Natürlich stimmte es, dennoch war es beängstigend, wie leicht Verena ihn durchschaute.

Sie stieß die Glut der halb aufgerauchten Zigarette im Aschenbecher aus. „Wenn ein junger, gut aussehender Mann sich in der Nacht zuvor in ein Mädchen verliebt und am nächsten Tag bei einer ehemaligen Hure auftaucht, die er das letzte Mal vor über einem Jahr besucht hat. Und wenn er dann reden will, anstatt … nun ja das zu bekommen, was man normalerweise bei so einer Person erhält, dann weiß die Hure, dass der Mann ein Problem hat.”

Verena ahnte nicht, wie groß das Problem war.

„Und der Mann sucht Hilfe. Deswegen ist er gekommen. Vertrau dich mir an, Maxi.”

„Das kann ich nich‘.”

Er konnte Verena nicht von der versuchten Vergewaltigung erzählen. Es war ihm … zu peinlich. Er schämte sich, er kannte diesen Maximilian von gestern selbst kaum noch, konnte sich nicht erklären, wie es dazu gekommen sein konnte, wie er sich hatte hinreißen lassen können.

Und doch hatte er es getan und war schuldig und hatte eine Strafe verdient.

Was das Problem noch schlimmer machte:

Danach hatte er sich in die Frau verliebt, an welcher er schuldig geworden war. Hatte die süßesten Stunden seines Lebens mit ihr verbracht und wollte sie wiedersehen.

Dabei baute alles auf Lug und Trug. Auf dieser blauen Pastille. Hatte er zunächst geglaubt, Charlottes Herz in der Nacht trotz allem, was vorgefallen war, erobert zu haben, so stellte sich am Morgen heraus, dass die Pastille das Werk für ihn getan hatte.

Als die Wirkung der geheimnisvollen Droge nachließ, war es auch mit Maximilians Anziehungskraft auf Charlotte vorbei gewesen.

Sie verachtete ihn für das, was er ihr auf der Toilette des Goldbeutels angetan hatte.

Und doch würde sie ihn wiedersehen wollen. Wenn er mehr von den Pastillen hätte. Die nämlich wollte Charlotte unbedingt haben.

Fortsetzung morgen


Der Text wurde von Lion C. Rationus geschrieben.

Der frühere Polizeireporter Lion C. Rationus schreibt spannende Reeperbahn-Thriller. Mehr von dem Autoren findest du hier auf Amazon.

Erschienen am 16.11.2016 | zurück zur Startseite


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Eine Folge aus der Reihe "Die Sexdroge". Die weiteren Thriller der Reihe:

  1. Das Hutzelmännchen von der Reeperbahn
  2. Mister Astra von der Reeperbahn
  3. Der geheime Garten an der Reeperbahn
  4. Paradiesische Liebe hinter der Reeperbahn
  5. Nostalgische Neonreklamen auf der Reeperbahn
  6. Kiez und Kinder

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