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Erotischer Krimi: Verhängnisvoller Überfall

Der Hühnertreiber im Bordell

Eine Folge aus dem Thriller "Verhängnisvoller Überfall"

Nachts war sie aufregend. Am Tag aber sah man, dass die Reeperbahn die Schminke so dick aufspachtelte wie eine Nutte, die ihren Zenit überschritten hatte. Über den bröckelnden Fassaden war viel Neon installiert, Drogensüchtige lagen in den Eingängen. Die Rausschmeißer würden ab achtzehn Uhr beginnen, sie fortzutreten und den Uringestank wegzuspritzen. Ab zwanzig Uhr kamen die Kegelclubs. Mit wohligem Schauer würden die Kegelbrüder an den Eingängen zur Sünde vorbeischlendern. Zweiundzwanzig Uhr endeten die großen Musicals, und die Reeperbahn würde sich füllen. Ab dreiundzwanzig Uhr kamen die Kerle, denen es zu wenig war, die Eingänge zur Sünde nur zu sehen. Sie wollten kosten. Sie brachten das Geld. Für sie schminkten sich die Fassaden der Nacht.

Bis dahin war Zeit. Zeit genug, den Auftrag zum Abschluss zu bringen und den Lohn zu kassieren. Das Geld zu bekommen, würde Überzeugungskraft erfordern. Aber Jannes hatte Übung darin, überzeugend zu sein.

Er musste einen Augenblick zu lang auf den Schaukasten mit den ausgeblichenen Fotos von rasanten Kurven geschaut haben.

“Richtig so. Guck sie dir an. Alles an ihnen ist echt. Und sie sind willig. Genau so wie ein Mann sie möchte”, sagte eine Stimme hinter ihm. Der Koberer war zeitig auf dem Posten und nahm seinen Job ernster, als es am frühen Abend nötig war. Er fasste Jannes an die Schulter. “Besser du lässt das”, sagte Jannes.

“Tschuldigung, Chef.”

“Ist Schuggar da?”, fragte Jannes.

“Wer soll das sein?”

“Kennst du deinen eigenen Namen?”

“Natürlich! Bronco!”

“Gut, Bronco. Ich habe einen Auftrag für dich, und ich bin sicher, er wird deine Intelligenz nicht überfordern. Melde deinem Boss, Jannes würde ihn gern sprechen.” Mit dem unverletzten Arm zeigte er auf seinen trainierten Bauch. “Jannes bin ich. — Alles verstanden?”

Bronco schaute Jannes mit dummen Augen ins Gesicht, dann auf Jannes’ eingegipsten Arm. Jannes hoffte, dass Bronco von seiner Mutter gesagt bekommen hatte, dass man einen Mann mit Gipsarm nicht schlug. Wenn Bronco seine Mutter überhaupt kennengelernt hatte.

Schließlich ließ Bronco die angewinkelte Rechte sinken und sagte: “Okay.”

Jannes ging hinter ihm hinein in den dunklen Schlund, der tapeziert war mit Kneipenmief. Die Bar war leer bis auf eine reichlich künstliche Blondine hinter den Zapfhähnen, mit der Bronco leise Worte wechselte. Sie verschwand durch eine Tür neben dem Tresen, Sekunden später tauchte dort Schuggar auf:

Ein zweihundert Kilo-Kerl, dessen Muskelmasse sich seit dem letzten Treffen mit Jannes weiter in Fett verwandelt hatte. Zähne so braun wie sein Hirn. Er zeigte sie beim Grinsen:

“Du bist es tatsächlich, Junge! Ich dachte, du hättest dich mit der Anzahlung aus dem Staub gemacht.” Schuggar trat die Kippe aus und winkte Jannes heran. “Komm, wir gehen nach hinten.”

Schuggar ließ sich in den Chefsessel fallen und legte die Füße auf den Schreibtisch. Sie stecken in Schaftstiefeln, die 1941 vor Moskau gewesen waren. Jedenfalls hatte das Schuggar beim letzten Treffen mit Jannes behauptet. Über Schuggar war eine Hakenkreuzfahne an die vergilbte Wand gepinnt.

Jannes hielt Abstand vom Tisch mit den aufgelegten Stiefeln. Sie rochen abwechselnd muffig und nach Urin. Jannes hatte bei Maredo am Anfang der Reeperbahn gegessen und wollte die Mahlzeit bei sich behalten.

Schuggar legte eine alte Luger neben die Schaftstiefel: “Erzähl, Junge.”

Jannes versuchte, nicht auf die Luger zu schauen und überlegte, ob es weiser wäre, auf das Geld von Schuggar zu verzichten und aufzustehen und zu verschwinden.

Schuggar nahm die Füße vom Tisch und langte in eine Schublade. Er legte ein Album auf den Tisch, schlug es auf und grinste. “Du bist zu verkniffen, Junge. Solltest dich zunächst entspannen.” Er schob die Luger zur Seite und zeigte auf die Mädchenfotos in dem Album. Nackt, jung, lecker. Auch Eileen war dabei. Schuggar beugte sich ihm entgegen und sagte: “Nimm eine. Benutz sie. Auf Kosten des Hauses.”

“Nett”, sagte Jannes, “vielleicht später.”

“Ich habe sie alle getestet. Auch in den Arsch. Keine Lusche dabei. Sie brauchen es, Jannes. Wirklich.”

Eine rote Lampe am Tischtelefon blinkte auf, und Jannes hörte, wie vorn die Clubtür geöffnet wurde, und Bronco Worte mit dem ersten Gast des Abends wechselte. Ins Topless kamen die alten Säcke, um die Frauen zu befingern, die sie in ihrer Jugend nie für sich hatten interessieren können. Wenn sie genug Geld hatten, konnten sie ihre Traumfrau im Topless sogar vögeln.

Jannes überlegte, ob er selbst bereits zu den alten Säcken gehörte. Einige Male war er verliebt gewesen. Er hatte ihnen seine Liebe gestanden. Den falschen Frauen mit den falschen Worten zu falschen Zeiten. In der Liebe war er ein Versager. Er musste strampeln, um es im Job nicht zu werden.

“Ich brauch’ jetzt das Geld, Schuggar.”

“Erzähl.”

“Ich schlage vor, wir halten die Reihenfolge ein. Erst das Geld, dann der Bericht.”

Es ging um Schuggars Tochter. Jannes sollte sie ausfindig machen. Das Jugendamt hatte sie sich nach der Geburt gekrallt. Die Pflegefamilie hatte den Kontakt zu Schuggar abgebrochen nach einigen Vorfällen, wie Schuggar es nannte. Die Gerichtsakten sprachen von Nötigung und Gewaltanwendung durch Schuggar gegenüber dem Pflegevater.

“Viel los ist nicht”, sagte der Gast. Er war jetzt besser zu verstehen, musste in die Nähe von Schuggars Büro gekommen sein, wahrscheinlich am Tresen bei Blondie stehen.

Jannes staunte, wie schnell Schuggars zweihundert Kilo auf den Beinen waren. “Den Hünhnern mach ich Feuer unterm Arsch”, sagte Schuggar und war schon am Tresen. Jannes kam hinterher.

Schuggar musste niemandem Feuer machen. Eine Lady stand bei dem Gast. Sie hatte ein Dekolleté zum Träumen und war eine Klasse zu gut fürs Topless. Ein zweiter Kerl stellte sich an den Tresen neben den Gast und fixierte ihn. Im Gegensatz zur Lady passte der Kerl dem Topless wie angegossen. Eine Ausbuchtung in seiner Jacke verriet Jannes den Totschläger, wenn der Kerl nicht noch stärkeres Kaliber dabei hatte. Schuggar würde solche Bewaffnung bei Gästen nicht dulden. Der Kerl gehörte also zum Haus. Jannes überlegte, ob er bei einem seiner Einsätze bereits mit dem Kerl zu tun gehabt hatte.

Ein Vorhang klimperte, den Jannes bisher nicht registriert hatte: Auf der genüberliegenden Seite trat Eileen in die Bar. Sie sah atemberaubend aus.

Aber der Gast konnte sie nicht bewundern, denn im Augenblick ihres Auftritts donnerte der Kerl mit der ausgebeulten Jacke den Schädel des einzigen Topless-Gastes auf das Tresenholz. Blut spritzte auf Biergläser und die blondierte Bedienung. Auch ein aufgeblättertes Pornomagazin und das Klasse-Dekolleté der Lady bekamen etwas ab.

“O Gott”, entfuhr es Jannes.

“Scheiß”, sagte Schuggar und schaute herab auf den zusammengebrochenen Gast. “Digga, wenn du jetzt keine gute Erklärung hast, machst du besser, dass du raus kommst. Lässt dich nicht wieder blicken.”

Eileen kam herübergestöckelt. Ihre Stilettos waren so hoch, dass sie einen Waffenschein dafür besitzen musste.

Blondie und ein zweites Mädchen verarzteten die Kopfwunde des Gastes. Er war ohne Bewusstsein.

“Danke, Digga”, hauchte Eileen, und Jannes stellten sich die Härchen auf den Unterarmen auf.

Die Frau war eine Wucht. Für sie würde er sein Leben ändern. Schluss machen mit den Kleinaufträgen und das große Geld heranholen.

Eine Bank überfallen.

Aber sie beachtete ihn nicht. Immer verliebte er sich in die falschen Frauen.

Sie zupfte Schuggar an der Kutte: “Digga hat mir das Leben gerettet. Der Tankwart verfolgt mich seit Monaten.”

“So? Das ist ein Tankwart?” Schuggar war unschlüssig.

“Und ein fieser Stalker”, beharrte Eileen.

“Scheiß”, sagte Schuggar, “Jannes, lass uns nach hinten gehen.”

Eileen kam hinterher.

Schuggar gab ihr einen Klaps auf den Po und trug ihr auf, Blondie beim Beseitigen des Blutes vor und auf dem Tresen zu helfen.

“Ist eine Nette”, sagte Schuggar, “mag es wirklich, in den Arsch gefickt zu werden.” Er legte die Füße wieder auf den Tisch und verschränkte die Arme hinter seinem dünnen Pferdeschwanz. “Nun fang aber an zu erzählen, Jannes. Ab acht wird es voll hier, dann muss ich die Hühner antreiben.”

“Ich habe deine Tochter gefunden”, sagte Jannes und wartete.

“Saubere Arbeit. Wo ist sie?”

“Das Geld?”

Schuggar schaute auf die ausgestreckte Hand von Jannes, griff in die Schublade, aus der er die Luger geholt hatte, und warf Jannes einen dicken Umschlag zu.

Jannes blätterte durch die Scheine, ohne Schuggar aus den Augen zu lassen.

“Korrekt”, sagte Jannes. Das Bündel konnte an die vereinbarten zweitausend herankommen. Jannes steckte es in die Innentasche und berichtete Schuggar, wie er für ihn quer durch Deutschland gereist war. Köln, Stuttgart, tief in den Osten. Er schmückte ein bisschen aus, erfand ein paar Orte dazu. Verschiedene Adressen hatte er abgeklappert, die Schuggar ihm genannt hatte. An die Schuggar Geld für seine Tochter geschickt hatte. Vielleicht hatte sie es bekommen, vielleicht hatte es der Postbote genommen. Oder der Vermieter. Oder ihre Freunde. Jedenfalls konnte sich niemand an Schuggars Tochter erinnern. Aber zurückgekommen war das Geld nie.

“Aber du hast sie gefunden?”

“Habe ich etwas anderes behauptet?”, sagte Jannes.

“Dann ist sie also doch in Berlin.”

Schuggar überwies eine Monatsrate an eine private Design-Akademie am Prenzlauer Berg, wo seine Tochter sich eingeschrieben hatte.

“Vielleicht hat sie dort tatsächlich ein paarmal hereingeschaut”, sagte Jannes.

“Scheiß.” Schuggar hämmerte die Luger auf den Schreibtisch. Ob er mehr seiner Tochter oder dem Geld hinterher trauerte, war unklar. Wahrscheinlich wusste er es selbst nicht.

Jannes drehte seinen Kopf und sah Eileen im Club sitzen. Sie polierte sich die Nägel oder tat wenigsten so. Jannes schnippte mit den Fingern. Sie gehorchte und stöckelte herbei.

“Willst du sie jetzt ficken?”, fragte Schuggar.

Jannes sagte: “Darf ich dir vorstellen. Deine Tochter Sandra. Ihr Künstlername ist Eileen.”

Schuggar sah sie an. Er sah Jannes an. Jannes fiel auf, das Schuggar ähnlich dumme Augen wie Bronco besaß. Sie kommen alle aus der gleichen Sippe, überlegte Jannes, und jetzt versucht Schuggar mit seinem kleinen braunen Hirn, den Witz zu verstehen, den es nicht gibt.

So weit der Ausschnitt aus dem Ebook. Danke an Lion C. Rationus für die Genehmigung zur Veröffentlichung!


Der Text wurde von Lion C. Rationus geschrieben.

Der frühere Polizeireporter Lion C. Rationus schreibt spannende Reeperbahn-Thriller. Mehr von dem Autoren findest du hier auf Amazon.

Erschienen am 31.3.2017 | zurück zur Startseite


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Eine Folge aus der Reihe "Verhängnisvoller Überfall". Die weiteren Thriller der Reihe:

  1. Überfall einer Prostituierten
  2. Wovon Huren träumen

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