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erotische Geschichten

Das Hutzelmännchen von der Reeperbahn

Eine Folge aus dem Thriller "Die Sexdroge"

Ein Reeperbahn-Thriller in mehreren Teilen. Nach einem wahren Fall. - Ein geheimnisvoller Gnom spricht auf der Reeperbahn den unbedarften Nachtschwärmer Maximilian an. Der Gnom will Maximilian eine blaue Pastille aufschwatzen. Sie vollbringe Wunderdinge. Verspricht der Gnom. Maximilian lehnt ab. Drogen findet er blöd. Doch ist Maximilian dem Gnom längst in die Falle gegangen. Der weiß: „Du wirst wiederkommen …” Eine Geschichte von den übermächtigen Wünschen der Nacht. Von den Fallen der Reeperbahn. Von einem Mann, der sich die Liebe so sehr wünscht. Und deswegen nicht nur sein Leben in größte Gefahr bringt.

Samstagabend überschwemmten sie die Reeperbahn. Durchschnittstypen aus der Provinz, die von einer großartigen Nacht träumten. Aber kaum von einem großartigen Tag danach.

Auch nicht von großartigen Wochen oder Jahren danach.

Es war deprimierend.

Sie waren deprimierend, fand Maximilian Kacmarek.

Auch er streunte an diesem Samstag über die Reeperbahn. Aber Maximilian erwartete mehr vom Leben als ab und zu eine großartige Nacht.

Leider jedoch hatte Maximilian weniger Geld in der Tasche als die Durchschnittstypen, auf die er herab schaute.

Genauer gesagt: Maximilian besaß nur noch zehn Euro.

Das macht es schwierig, auf der Reeperbahn an einem Samstagabend auch nur aufregende 60 Minuten zu erleben.

Immerhin wäre es genug Geld für ein Bahnticket nach Hause.

Maximilian wollte nicht nach Hause.

Nie mehr wollte er zurück in das Dorf, wo sie in immer kürzeren Abständen von ihm verlangten, „er solle sich endlich ein Leben aufbauen” oder „Verantwortung übernehmen” oder „eine Familie gründen”.

Von Liebe sprachen sie selten.

Und nie fragten die Menschen aus dem Dorf, die etwas von ihm verlangten, was er, Maximilian, eigentlich erwartete: vom Leben, von der Zukunft, von ihnen.

Maximilian könnte sich von den zehn Euro ein Burger-Menü kaufen bei der McDonald-Filiale auf der Reeperbahn.

Er sah das Neonschild und den erleuchteten Speiseraum, der ihm vorkam wie ein Vorposten bürgerlicher Piefigkeit, der umtost wurde von Sexarbeiterinnen und Sündern, von angemalten Frauen und Männern auf der Suche nach dem schnellem Glück.

Maximilian wandte sich in die entgegengesetzte Richtung, wo es dunkler wurde, wo der Goldbeutel lockte. Immer seltener verspürte Maximilian wirklichen Hunger. Zumindest keinen Hunger auf Dinge, die man für zehn Euro in Papier und Pappschachteln verpackt über die Theke geschoben bekam.

Maximilian hatte den zielstrebigen, nach vorn gebeugten Gang eines Mannes, dem das Leben bisher wenig geboten hatte und der mittlerweile entschlossen war, sich seinen Teil zu erobern. Sein Blick war suchend und scharf und ließ jemanden, der Maximilian ins Gesicht blickte, unweigerlich an einen Habicht denken. Sein Körper war sehnig. Da ihm Maximilian regelmäßige Nahrung verweigerte, hatte das Leben noch keine Gelegenheit gefunden, Fett an den üblichen Stellen zu hinterlassen.

„Kost’ nur zehn Euro”, stellte sich ihm ein Männchen in den Weg, das halb so groß war wie Maximilian, und dessen verknautschtes Gesicht doppelt so alt aussah.

„Wie bitte?” Maximilian blieb stehen, er wollte das Männlein nicht umlaufen.

Das zupfte ihn am Ärmel:

„Zehn Euro nur.”

Zu junge Frauen in zu hohen Schuhen stöckelten vorbei. Gröhlende Kegelbrüder torkelten am Rinnstein entlang. Gut gekleidete Herrschaften, die aus den Musicals kamen und das Nachtleben suchten, eilten weiter.

Das Hutzelmännchen fasste Maximilian fester am Ärmel, hielt ein Tütchen hoch, das kaum größer war wie eine Streichholzschachtel. Darin war eine blaue Pastille.

„Lass mich in Ruhe.” Mit einer heftigen Bewegung riss Maximilian sich los.

„Sie verpassen etwas, mein Herr.”

Es war die altertümliche Redewendung „mein Herr”, die Maximilian innehalten ließ. Er drehte sich wieder zu dem Hutzelmännchen um, hob aber - da er des Hutzelmännchens aufleuchtendes Gesicht sah - sogleich beide Hände, um zu signalisieren:

„Ich kaufe gar nichts und schon gar nicht von dir.”

„Das verstehe ich.” Das Hutzelmännchen grinste schief und sah nun gar nicht mehr hutzelig, sondern verschlagen aus. „Ich würde von mir auch nichts kaufen.”

Mit einer flinken Bewegung hatte das Hutzelmännchen Maximilian etwas in die Jackentasche gesteckt.

„Was soll das?!”, protestierte Maximilian.

„Es ist ein Geschenk, mein Herr! Sie brauchen nichts bezahlen!”

„Ein Geschenk? Wofür?”

„Finde es heraus, mein Herr.”

„Warum?”

„Damit du wiederkommst.”

Maximilian hatte aus der Jackentasche geholt, was das Hutzelmännchen ihm zugesteckt hatte. Es war das Plastiktütchen mit Schnellclipverschluss. Darin klemmte die blaue Pastille mit einer Kerbe in ihrer Mitte. „Du willst mir eine billigen Droge unterjubeln?”

Nun war es am Hutzelmännchen, abwehrend die Hände zu heben. Aber Maximilian hatte zu viel erlebt auf seinen Fluchten aus dem Heimatdorf:

„Du hast den Bullen einen Tipp gegeben.” Er streckte das kantige Kinn zur Davidwache, die keine 50 Meter entfernt lag. „Die werden mich gleich hops nehmen - und du hast bei den Bullen einen gut. Ich weiß, wie das läuft, Bürschchen.”

Maximilian wollte dem kleinen Mann einen Klaps auf den Hinterkopf geben. Reaktionsschnell wich der Gnom aus - und stand gleich darauf wieder kerzengerade und schaute Maximilian von unten herauf an mit einem Blick, der die Balance hielt zwischen Unterwürfig- und Hinterhältigkeit.

„Niemals arbeite ich mit der Polizei zusammen!”, behauptete er und nickte dabei mehrfach und übertrieben. „Das hat mir drei Jahre Santa Fu eingebracht, aber ich bin nicht weich geworden.”

Irgendwie klang er überzeugend. Vielleicht weil er die Wahrheit spracht, überlegte Maximilian.

„Aber warum sollte ich mir einen Trip einwerfen?” Maximilian wedelte mit dem Tütchen. „Ich steh nicht drauf.”

„Ist auch nicht für dich.”

„Für wen dann?”

„Für dein Mädchen.”

„Ich habe kein Mädchen.”

„Umso besser.” Das Hutzelmännchen kicherte. „Umso besser.”

„Du sprichst in Rätseln.” Maximilian wandte sich zum Gehen, hatte keine Lust, weiter seine Zeit zu vertun. Das Pastillentütchen warf er in den Rinnstein.

„Oh nein, oh nein!”, zeterte hinter ihm das Hutzelmännchen, verfolgte ihn.

Ärger stieg in Maximilian auf.

Es zupfte ihn wieder am Ärmel, hatte wieder das Tütchen - oder ein neues? - in den Fingern, wollte es ihm erneut in die Tasche stecken.

„Probier es aus, probier es aus.”

„Und was hast du davon?”, herrscht Maximilian das Hutzelmännchen an, wartete die Antwort aber nicht ab, sondern riss sich los und stapfte davon.

„Du wirst wiederkommen”, hörte er hinter sich das Hutzelmännchen.

„Merkwürdiger Typ”, brummte Maximilian und wusste in dem Moment, was seine Laune heben würde. Ein kühles Blondes. Im Goldbeutel.

Das Hutzelmännchen rief und sein dünnes Stimmchen kippte vor Überanstrengung: „Ganz bestimmt wirst du wieder kommen!”

Fortsetzung morgen


Der Text wurde von Lion C. Rationus geschrieben.

Der frühere Polizeireporter Lion C. Rationus schreibt spannende Reeperbahn-Thriller. Mehr von dem Autoren findest du hier auf Amazon.

Erschienen am 12.11.2016 | zurück zur Startseite


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Eine Folge aus der Reihe "Die Sexdroge". Die weiteren Thriller der Reihe:

  1. Mister Astra von der Reeperbahn
  2. Der geheime Garten an der Reeperbahn
  3. Paradiesische Liebe hinter der Reeperbahn
  4. Erfahrungen einer Hure auf der Reeperbahn
  5. Nostalgische Neonreklamen auf der Reeperbahn
  6. Kiez und Kinder

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