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Blümchensex? - Nein, danke!

Es war eine dieser Spontanfeiern, wie sie in gutem Kollegenkreis stattfinden. Einer öffnet eine Flasche Prosecco, sagt: „Ich geb’ einen aus“, man prostet sich erst in kleinem Kreis zu, jemand kommt dienstlich vorbei, „Was ist denn hier los?“ „Hol Dir ein Glas, es ist noch was da.“ Doch der Kollege kommt nicht nur mit Glas – sondern mit einer eigenen Flasche zurück. „Hatte ich noch im Kühlschrank.“

Und so dauerte es nicht lange, da war die „Bude voll“, von überall her kam Trinkbares hervor, der Flur war als Bar auch bald belegt und ein Gewirr von Stimmen bestimmte die Gleitzeit zum Feierabend und ins Wochende. Dabei wurde dann auch über die eigentlich ja „ganz nette“, doch auch irgendwie „merkwürdige“ Gastkollegin Sigrid gesprochen, die heute zum letzten Mal in der Zentrale war, um nach 14 Tagen wieder in die Münchner Filiale zurück zu kehren. D.h. man sprach nur leise über sie, wenn sie außer Hörweite war.

Reden wir doch nicht weiter um den heißen Brei – wir wissen doch beide, dass wir auf der gleichen Linie liegen

Nun, man musste es schon zugeben, Sigrid war irgendwie anders, nicht unangenehm, aber doch, so eigenartig „kantig“, oder wie soll man die fehlende Weichheit, das was Frauen allgemein so anziehend macht, anders nennen? Manch einer sprach schon von „bestimmt lesbisch“, doch daran mochte ich nicht glauben, denn wenn man mit ihr alleine arbeitete, war sie lockerer, trotzdem distanziert, was ich auf ihr keineswegs attraktives Äußeres zurückführte: Recht klein, so 1,65 m vielleicht, ziemlich flachbrüstig, so schien es, mittellange nicht gerade vorteilhaft frisierte Haare und die Figur – versteckt unter einem lockeren Schlapperlook in grau mit weißem Kragen und ebensolchen Bündchen an den Ärmeln, und ihr Gesicht, na ja, – auch „nett“, doch keineswegs schön zu nennen. Doch überwiegend war der Tenor unter den Kollegen der Schöpfung – „Mit der? Niemals…“

Na ja, wir sollten uns um sie kümmern, was dann auch jeder in der Dienstzeit machte, denn sie war oder tat wissbegierig, verbarg ihre eigenen Ansichten so gut es ging – doch „eckig“ blieb sie auch bei intensivsten Arbeiten.

„Eigentlich ist das ja Ihre Abschiedsfeier,“ sagte jemand dann zu ihr.

„Na, Ihr seid sicherlich froh, wenn ich wieder weg bin.“

„Nein, nein, gewiss nicht,“ beeilte sich der Kollege zu sagen. „Es ist doch schön mal jemand aus dem Münchner Kollegenkreis hier zu haben, die man sonnst nur vom Telefon her kennt. Jetzt kennen wir wenigstens schon einmal Sie.“

„Vielleicht macht ja einer von Euch mal einen Gegenbesuch. Ich würde mich freuen.“

Ich beobachtete die beiden zwangsläufig, denn wir standen gemeinsam in einer Büroecke ziemlich eng beisammen. Ich immer darauf bedacht, mit Sigrid nicht zu sehr auf Tuchfühlung zu kommen. Nun schließlich gelang es mir, mich mit dem Spruch „Mal sehen, wo’s noch was zu trinken gibt“ zu entfernen – hatte aber gleich irgendwie ein schlechtes Gewissen, denn ich bemerkte, dass auch mein Kollege sich abwendete. Es war dann nicht ganz einfach, wieder zu ihr zurück zu kommen. Ich sah dann zu meiner Erleichterung, dass Sigrid schon einen anderen Gesprächspartner gefunden hatte. Die Feier nahm ihren Lauf, irgendjemand bestellte aus dem Personalrestaurant ein paar „Häppchen“; flüssiger Nachschub war auch bald da, dem ich allerdings nicht so sehr zusprechen konnte wie gewünscht, hatte ich doch heute mein Auto dabei. Schließlich landete ich wieder in der Nähe der unscheinbaren Münchner Kollegin. Jetzt wo ihre Zeit bei uns zu Ende ging, konnte man ja noch mal ein paar „freundliche Briketts nachlegen.“

„Na, hat sich Ihr Besuch bei uns ein wenig gelohnt? “

„Ja, es war ganz interessant hier bei Euch. Mir ist so einiges klarer geworden, womit wir in München besser klarkommen werden.“

„Schön, dann warten wir auf den nächsten Bayern. Wer kommt denn als nächstes zu uns rauf? “

„Ich weiß noch nicht, wer kommt, vielleicht bekommen wir ja auch mal Besuch aus Hamburg.“

„Das würde ich gerne mal machen. Vielleicht kann ich ja dann etwas wieder gut machen. Denn ich habe das Gefühl, dass wir uns hier nicht gerade sehr um Sie bemüht haben. Jedenfalls hat sich ja keiner darum gekümmert, was Sie nach Feierabend machen, so ganz alleine hier in Hamburg.“

„Ach das macht nichts, eigentlich bin ich ja daran gewöhnt, doch so habe ich die Stadt ganz unbefangen erkunden können. Und – leider muss ich sagen – geht’s morgen Mittag zurück. Ich wäre aber gerne noch etwas länger geblieben.“

Tja, was soll ich sagen, mir blieb michts weiter übrig, als bei ihr zu bleiben, Belangloses zu reden, um irgendwie zu versuchen, das ein wenig wieder gutzumachen, was wir versäumt hatten. Die Party dauerte dann auch nicht lange, nach und nach verkrümelte sich einer nach dem anderen. Und so machte ich mich auch „auf die Socken“, d.h. ich wollte mich von unserer „Miniatur-Bavaria“ verabschieden, als sie sagte: „Ich geh’ mit, dann können wir zusammen zur Bahn gehen.“

„Ja gut, ich hab’ meinen Wagen da. Packen Sie schon Ihre Sachen zusammen. Ich warte beim Pförtner“.

Lange musste ich nicht warten, da stieg Sigrid aus dem Fahrstuhl, ihre schwarze Aktentasche unter dem Arm, „Klar, maskulin, ich sag’s ja“, hörte ich in Gedanken meinen Kollegen sagen – und irgendwie musste ich ihm auch recht geben. Die graue Maus war nun wirklich nicht besonders anziehend.

Wir gingen zum Parkplatz, denn ich hatte ihr angeboten, sie zum Hotel zu fahren. Angekommen, meinte sie: „Dafür möchte ich mich bedanken. Kommen Sie noch mit hinein zu einem kleinen ‚Absacker’?“

Kaum möglich für mich, mit Anstand abzulehnen und so, nachdem ich den Wagen auf dem Hotelparkplatz abgestellt hatte, fanden wir uns schließlich in der kleinen, kerzenbeleuchteten Bar ein. Zwei Glas Bier – ja auch sie, bevorzugte dies „männliche“ Getränk – klar, sie war Münchnerin…

Über die Arbeit wollten wir beide nicht reden und so begannen wir uns „auszuhorchen“, was treiben Sie so nach Feierabend? Welche Musik mögen Sie? So der allgemeine Kram, den man spricht, wenn man eigentlich nichts zu sagen hat.

Doch dann, als eine große, in enges schwarzes Leder gekleidete, attraktive Frau vorrüber ging, nahm das Gespräch eine andere Wendung, d.h. eigentlich nachdem Sigrid meine wohl nicht ganz uninteressierten Blicke bemerkt hatte.

„Tja, da kann ich nicht mithalten“ stellte sie mir zugewandt, und durchaus berechtigt, fest.

Und was sagt man darauf? Natürlich dies: „Aber ich bitte Sie, die Menschen sind unterschiedlich, die eine betont das rein Äußerliche, gibt vor, ihr Inneres damit zu zeigen, die andere verbirgt es, um nicht gleich kundzutun, was man ist, wie man fühlt oder welche Wünsche und Gedanken man gegenüber seinen Mitmenschen hat.“

„Stimmt natürlich, und was meinen Sie, was verberge ich, welche Wünsche habe ich wohl? Was meinen Sie?“

Oh, oh, da hatte sie mich aber zu fassen. Wie sollte mir dabei schnell etwas Passendes einfallen, ohne ihr zu nahe oder auf die Füße zu treten?

„Nun ja, äh, doch wohl ganz normale, die die jeder so mit sich herumträgt. Wünsche nach Zuneigung, Beachtung, Erfolg, Liebe vielleicht. Doch eigentlich weiß ich offen gesagt nicht so recht, wie ich Sie einschätzen soll. Einerseits wirken Sie, ja wie soll ich sagen, pardon, wenn ich was falsches sage, irgendwie abweisend. Andererseits bekommt man den Eindruck, eine doch ziemlich und direkt fordernde Frau vor sich zu haben, eine ganz korrekte, die weiß, was sie will und was sie nicht will und durchaus ehrgeizig, sonst hätte man Sie wohl nicht ausgewählt, hier bei uns zu hospizieren.“

„Nun, das stimmt, irgendwie jedenfalls. Um es rundweg zu sagen – lesbisch bin ich keineswegs, auch wenn einige Kollegen dieser Meinung sind.“

Ups, das überrumpelte mich, und ich machte nun nicht den Fehler, diese Meinung in Abrede zu stellen, sie hatte wohl doch einiges mitbekommen, was über sie geredet wurde, was gab es da abzustreiten, abzuwiegeln.

Und so fragte ich: „Was meinen Sie denn, wodurch dieser falsche Eindruck entsteht?“

Damit hatte nun wieder ich sie in Zugzwang gebracht, denn ich merkte, wie sie um eine Antwort rang, ein wenig nervös mit dem Glas spielte und schließlich sagte: „Vielleicht deshalb, weil ich an mich und auch an andere, Partner oder Freunde, gewisse Ansprüche stelle, etwas, das sich nicht in Äußerlichkeiten verliert oder zeigt, das ich vielleicht auch ein wenig zu spüren gebe, dabei Ansprüche habe, die vielleicht nur für den deutlich werden, mit dem man auf gleicher Wellenebene liegt.“

Und dann plötzlich: „Ich glaube, Sie gehören dazu.“

„Was ich? Aber wieso? Was meinen Sie? Ich hab mich doch auch nicht mehr um Sie gekümmert als die anderen, Persönliches kam doch auch nie zur Sprache. Und bemerkt habe ich so auch nicht, das wir beide so etwas wie gleiche Interessen oder Neigungen hätten.”

„Wirklich nicht?“ antwortete Sigrid und legte dabei ihre kleine Hand auf meine, drückte dann ganz langsam und in Intervallen mit ihren Fingernägeln die Haut auf dem Handrücken zusammen. „Du,“ sie wählte plötzlich die vertraute Anrede, „du bist doch auch nicht jemand, der immer nur das Übliche vom Leben, vom Genuss und von der Liebe verlangt. Du bist einer von uns, oder?“

Himmel, wenn Sie nicht bei ihren letzten Worten wirklich schmerzhaft ihre Fingernägel in meine Haut gedrückt hätte, hätte ich in ihr eine dieser Sektenwerberinnen vermutet. So war ich nun doch ziemlich konsterniert, wusste nichts Gescheites zu antworten, schwieg und sah verlegen in mein Bierglas.

„Wie, äh, wie meinen S –, hmm, wie meinst – Du das denn?“ sagte ich schließlich.

„Nun, ich denke, das weißt du wohl.“ Und dabei drückte sie meinen Arm und bewies dabei eine überraschende Kraft, sagte dann direkt und unverblümt: „Du magst doch auch das andere, die etwas festere Gangart der Zuneigung, nicht nur das Übliche.“ Und dabei streichelte sie die vorher gequälte Stelle ganz sanft.

Da hatte sie es ja nun eigentlich ganz deutlich und direkt ausgesprochen, doch immer noch so, das keiner von uns beiden peinlich berührt sein musste, und bei einer falschen Einschätzung ihrerseits auch noch ein Ausweg übrig blieb – für beide.

Was nun, was sollte ich tun? Etwas heiter dieses offensichtliche Angebot ablehnen, oder etwa darauf eingehen, mal sehen was noch kommt?

Nun, wie gesagt, eine kleine „graue Maus“ saß da vor mir, hatte, wie es aussah, etwas von ihrem persönlich-intimen Inneren preisgegeben, hatte damit doch wohl auch – oder etwa nicht? – ein Verlangen kundgetan.

So machte ich schließlich, nach einigem Schweigen, den nächsten Schritt und fragte mit einem Bekenntnis sozusagen: „Woran hast Du das gemerkt?“

„Schön – nun hast Du es bestätigt, ich hab’ mich also nicht geirrt. Wie ich es gemerkt habe, kann ich so genau nicht sagen. Doch irgendwie war für mich recht schnell schon zu erkennen, dass du nicht nur, zwar auch, aber nicht nur den …“ sie zögerte etwas „also nicht nur den Blümchen-Sex genießt.“

Da war es heraus, direkt, und weshalb sollte ich jetzt noch so tun, als würde ich nicht wissen, was Sigrid meinte?

„Ja es stimmt. Und nun?“

„Tja, was nun, bin ich nicht schon deutlich genug gewesen?“

„Ja, doch, danke, das bist du wirklich. Müsste ich denn nun sagen, worauf warten wir noch? Doch, das geht doch wohl nicht so einfach. Dazu müssten wir, wenn überhaupt, doch erstmal klären, wer ist wer? Willst du dasselbe wie ich, dann liegen wir vielleicht quer und wir kommen uns nicht näher, denke ich mal… oder?“

„Reden wir doch nicht weiter um den heißen Brei – wir wissen doch nun, dass wir beide schon mal auf einer gleichen Linie liegen. Also: Ich bin dom – und du bist sub? Oder irre ich mich etwa?“

„Nein, nein“, beeilte ich mich zu sagen, war aber doch etwas überrascht, dass gerade diese kleine Person sich als erotisch-dominant einstufte – na ja die Kleinen, die sind ja allgemein immer mit spitzen Ellenbogen ausgestattet.

Und so ging ich weiter darauf ein und fragte: „Wo kann diese Erkenntnis, dieses gegenseitige Bekenntnis nun hinführen, können wir denn überhaupt und wie zueinanderfinden, schließlich fährst du morgen zurück?“

„Stimmt, aber noch bin ich hier und wohne hier – und ich hab alles dabei.“

Meine Güte, da war ich doch tatsächlich in eine Situation gekommen, von der man sich immer wünscht, dass sie sich plötzlich bietet, ein zweifelsfrei kurzfristiges Abenteuer mit einer Frau, bei der kaum die Gefahr bestand, sich ganz zu verlieren, na ja, etwas schon, das war klar.

So nickten wir uns verständnisvoll zu, waren uns einig. Kurz darauf standen wir auf. Ich nahm ihren kleinen Aktenkoffer „Schreiben Sie es auf meine Rechnung, Zimmer 306“ sagte sie im Vorrübergehen zum Kellner, und wir strebten dem Fahrstuhl zu.

Fortsetzung folgt

Ein Erlebnis, geschildert von Klaus X.

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