Ein Rotlicht-König packt aus: “Die Mädchen brauchen eine harte Hand!”
Die Adresse ist ziemlich bieder. Ein Dorf im Taunus, nördlich von Frankfurt. Gepflegte Vorgärten, schmucke Häuser. Dort, wo ein offener Porsche vor der Doppelgarage steht, klingeln wir an der Pforte. Und werden sofort von zwei Zähne fletschenden Bestien angebellt. “Motte! Hector! Aus! Ist gut jetzt”, befiehlt der Hausherr, der uns auf dem gepflasterten Weg entgegen kommt. “Wenn ich da bin, müssen Sie vor den Hunden keine Angst haben”, sagt er zur Begrüßung. “Die zwei gehorchen mir aufs Wort.”
So also sieht ein Rotlicht-König aus der Main-Metropole aus: Tätowiert, drahtig, kurz geschoren. Weißes Hemd und schwarze Lederhose.
Paul (32) führt uns in sein Wohnzimmer. Unterwegs ruft er Richtung Küche: “Lizzy, bring’ uns Kaffee!” Und kaum haben wir auf der dicken Polster-Garnitur Platz genommen, erscheint eine junge Frau mit einem Tablett.
Sie trägt Schuhe mit abenteuerlich hohen Absätzen, knallenge Hot Pants und ein sehr weit ausgeschnittenes Leoparden-Top, das den Ansatz ihrer schönen Brüste zeigt. Und sie ist perfekt geschminkt. Das starke Make-up kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihr Gesicht einen traurigen Ausdruck hat.
Der Gastgeber hält es nicht für nötig, uns mit Lizzy näher bekannt zu machen. Offenbar betrachtet er das Mädchen wie seine Messing-Leuchter. Jederzeit austauschbar. Stattdessen kommt er ohne Umschweife zur Sache. Und ist mit uns schon per du.
“Ihr wollt von mir also was übers Milieu hören”, eröffnet Paul das Gespräch. “Okay. Dann sage ich Euch eins gleich vorweg: Das Geschäft ist längst nicht mehr das, was es früher mal war. Da hat sich in den vergangenen Jahren manches verändert. Und nicht unbedingt zum Guten. Die Goldgräber-Zeiten sind endgültig vorbei. Aus einer ganzen Reihe von Gründen.
Begonnen hat dieser Wandel Anfang bis Mitte der 80er Jahre. Da kochte wie aus heiterem Himmel das Thema Aids hoch. Das hat unserer Branche einen heftigen Knacks gegeben. Und als wir uns davon endlich einigermaßen erholt hatten, passierte das nächste Drama: Plötzlich gingen die Grenzen zum Osten auf, und eine Menge Leute strömte ins Land. Das Ergebnis: Kaum ein Kiez in unseren Großstädten ist noch in deutscher Hand. Das Geschäft teilen mittlerweile die Albaner, Türken, Ukrainer und Chinesen unter sich auf. Und du mußt echt gute Freunde haben, um in dem Dschungel da draußen überleben zu können.
Das Schlimmste ist für mich aber die drastisch angestiegene Konkurrenz. Der Markt wurde praktisch überschwemmt mit Frischfleisch aus Fernost, aus dem Ostblock und der Karibik. Außerdem: Seit durch den Euro alles viel teurer geworden ist, machen auch immer mehr brave Sekretärinnen für ein paar Scheine nebenbei ganz gern mal die Beine breit. Was meint ihr denn, wie viele 1-Zimmer-Apartments gar nicht richtig bewohnt werden, sondern als Liebeshöhle dienen?”
Das klingt fast so, als würde der arme Paul bald Sozialhilfe beantragen. “Na, soweit wird es wohl Gott sei Dank niemals kommen”, lacht der 39-Jährige. “Im Augenblick habe ich 18 Pferdchen am Start, die mich ganz gut ernähren. Du mußt dir in der heutigen Zeit halt was einfallen lassen, Qualität bieten. Die Kunden wollen was Junges, Exotisches haben - Mädchen, die ihnen auch ausgefallenste Wünsche erfüllen.”
Die Bezeichnung “Zuhälter” oder “Lude” hört der Rotlicht-König allerdings gar nicht gern. “Für meine Girls bin ich eher so eine Art Manager oder Produzent”, erklärt Paul. “Ich gebe ihnen eine Wohnung, Schutz, was zu essen, Klamotten. Ich bereite sie auf ihren Job vor und verwalte ihr Geld. Ohne meine Hilfe kpnnten sie gar nicht existieren. Die Mädchen brauchen jemanden, der auf sie aufpaßt - zuweilen auch eine harte Hand.”
Und sie lassen sich willenlos führen? Paul: “Nicht alle. Einige zicken am Anfang ein bisschen rum, machen Probleme. Aber ich kann sie meist sehr schnell überzeugen, dass es besser ist, mit mir zusammen zu arbeiten anstatt gegen mich. Ab dann kommen wir gut miteinander aus.”
Bei der Recherche half Tom Kunst.
Statussymbole der Zuhälter Der Vokuhila-Haarschnitt (vorne kurz, hinten lang ) fiel dem Friseur zum Opfer, der dicke Ami-Schlitten wurde verkauft, und die Lederjacke mit Fransen landete auf dem Flohmarkt. Wer heute als Lude was auf sich hält, gibt sich seriös. Mit Benz oder BMW und im Maßanzug. Geblieben sind als Zeichen der Zunft: Kampfhunde, Rolex-Uhren und die alten Tätowierungen.

Marlene Osbach schrieb obige erotische Geschichte. - Die junge Journalistin lebt und arbeitet abwechselnd in Warschau und Berlin. Geboren wurde sie in Polen. "Ich kann Deutsch und Polnisch gleich gut sprechen. Meine Großeltern waren Deutsche, die hier wohnen blieben, als zum Ende des 2. Weltkriegs Deutschland Gebiete an Polen abtreten musste. Die alten Herrschaften haben heimlich weiter Deutsch mit meinen Eltern gesprochen, obwohl es damals verboten war." Die Zweisprachigkeit ist für die Journalistin heute ein Wettbewerbsvorteil. "Authentische Berichte aus Deutschland sind in Polen gefragt. Und umgekehrt funktioniert es auch", sagt Marlene Osbach. Zum Ausgleich schreibt sie gern über erotische Themen.
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