Beim Fremdgehen ertappt - Lebenstraum zerplatzt
Er hatte viel erreicht: eine Familie gegründet, ein Haus gebaut, Karriere als Fluglotse gemacht. Als seine Frau ihn betrog, wurde Mario zum Alkoholiker. Täglich setzt er das Leben anderer Menschen aufs Spiel.
Es gab mal eine Zeit in meinem Leben, da war einfach alles “Roger”, wie die Funker sagen. Ich stand auf der Sonnenseite. Sowohl im Beruf als auch privat. Obwohl ich erst Anfang zwanzig war, machte ich schon gut Geld. Als Fluglotse wird man echt nicht schlecht bezahlt. Meine Frau Silke und ich verstanden uns in jeder Hinsicht top. Wir führten eine glückliche Ehe. Dachte ich jedenfalls. Wir hatten drei zauberhafte, gesunde Kinder und bauten uns ein eigenes Nest. Mit meinem guten Gehalt und dem, was Silke halbtags hinzuverdiente, konnten wir uns die Schulden für den Hausbau einigermaßen leisten.
Und dann kam dieser - für mich so schwarze - Freitag. Es war Ende April 2007. Aber ich erinnere mich noch so genau an alles, als wäre es gestern passiert. Ein Kollege löste mich vorzeitig vom Dienst ab. Und ich kam etwa zwei Stunden früher als erwartet nach Hause. Die Kinder waren, wie ich später erfuhr, an diesem Nachmittag bei der Oma “geparkt”. Also kein großes Hallo an der Haustür. Im Wohnzimmer empfing mich leise Musik. Auf dem Tisch standen eine leere Flasche Sekt und zwei halbvolle Gläser. Ich stürmte die Treppe rauf. Und auf der Galerie traute ich meinen Ohren nicht. Aus dem Schlafzimmer drang das lustvolle Stöhnen meiner Frau. Durch den offenen Spalt in der Tür sah ich sie in wilder Umarmung mit einem anderen Mann. Das war der Moment, in dem in mir ein Film riss. Ich prügelte die beiden samt ihrer Klamotten aus dem Haus.
Anschließend sackte ich in einen Sessel. Mir war elend - eine Mischung aus bodenloser Enttäuschung, Wut, Trauer, Ekel, Selbstmitleid, Hass. Erst einmal kippte ich einen Cognac. Und dann noch einen. Und so weiter. Nach dem Cognac griff ich zum Whisky. Und so weiter. In diesem Moment schloss ich einen Pakt mit dem Teufel, der da Alkohol heißt.
Meine Frau holte ihre Sachen aus dem Haus, zog zu ihrem Lover. Sie nahm die Kinder mit und reichte die Scheidung ein. Mich ließ sie zurück mit dem Haus, den Hypotheken und einer Kontonummer. Für den Unterhalt. Das waren finanzielle Verpflichtungen, denen ich beim besten Willen nicht nachkommen konnte. Irgendwann spielte die Bank nicht mehr mit. Das Haus kam unter den Hammer. Und ich musste zur Miete in eine 1-Zimmerwohnung ziehen, damit ich die Rest-Schulden aus dem Bau und den Unterhalt überhaupt irgendwie wuppen konnte. Hatte ich dafür mein bisheriges Leben lang gerackert? Für ein 30qm-Loch? Um einer Frau, die mich betrogen hatte, ein angenehmes Leben zu finanzieren? Um für drei Kinder zu zahlen, die ich kaum sehen durfte?
Ich griff jetzt täglich zur Flasche, spülte meine Sorgen und Enttäuschung mit Alkohol hinunter. Nicht nur nach Feierabend, auch während ich Dienst machte. Den Kollegen fällt das gar nicht auf. Bei uns im Tower herrscht meistens soviel Hektik, dass sich kaum einer um den anderen kümmern kann. Außerdem entwickeln Alkoholiker viel Phantasie, wie sie ihre Sucht tarnen. Meinen Stoff fülle ich in Flachmänner ab. Und damit mich meine Fahne nicht verrät, nehme ich Kaugummi oder lutsche Atem-Bonbons.
Meine tägliche Ration Dröhnung pro Schicht beträgt heute ein Liter Cognac Minimum. Manchmal mehr. Generelle Tendenz steigend. Oft bin ich im Job so dicht, dass ich kaum noch erkenne, was auf dem Monitor los ist. Und ich registriere selbst überhaupt nicht, was ich den Piloten in der Luft an Daten durchgebe. Manchmal wundere ich mich wirklich, dass die Maschinen heil runter kommen oder in die Luft gehen. Ein kleines Wunder, dass noch keine Katastrophe passiert ist.
Natürlich könnte ich eine Entziehungskur machen. Aber was meinen Sie, wie mein Arbeitgeber darauf reagiert? Und mein Beruf ist doch schließlich das einzige, was mir von meinem Leben noch bleibt.
Verena Lasskovitz hat Mario überzeugt, sich an seine Hausarzt zu wenden. Der ist an seine Schweigepflicht gebunden und kann Mario einen Psychiater in der Nähe seines Wohnorts empfehlen.
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